Münchner Mischung ist ein hohes Gut

Interview mit Dr. Eberhard Sasse, Präsident der IHK für München und Oberbayern

Die Metropolregion München ist wirtschaftlich stark, bekannt, beliebt, erfolgreich. Wir sprachen mit Dr. Eberhard Sasse, Präsident der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern darüber, wie München denn nun wirklich tickt.

Herr Dr. Sasse, wie steht die Wirtschaft in der Stadt München und im Landkreis /Münchner Umland da?

Dr. Eberhard Sasse: Es braucht eigentlich nur eine Zahl, um unsere Position sichtbar zu machen: Jedes Mal, wenn alle deutschen Unternehmen zusammen 1.000 Euro verdienen, kommen 11 davon aus München und Oberbayern. Das ist beispiellos in Deutschland – und auch sonst brauchen wir keinen Vergleich mit anderen Standorten weltweit scheuen. Woher kommt diese Stärke? Als Firmenstandort überzeugt die bayerische Landeshauptstadt mit einem beeindruckenden Mix: Hier ist eine starke und breit aufgestellte Wirtschaft zuhause. Es gibt international angesehene Universitäten und Forschungseinrichtungen, eine wachsende und sehr junge Bevölkerung sowie ein gutes, international ausgerichtetes Fachkräfteangebot. Nicht zu vergessen die in Europa sehr zentrale Lage und die guten Verkehrsanbindungen sowie Faktoren wie der hohe Freizeitwert, gute Schulen oder Sicherheit. Nach 1945 haben sich z.B. viele amerikanische Marken- und Marktführer in und um München angesiedelt, darunter Wrigley’s, Philipp Morris, Mc Donalds, Texas Instruments, Oracle, Microsoft und zuletzt eben auch Apple, Amazon, GE Global Research sowie Google.

Die „Münchner Mischung“ mit ihren zahlreichen wechselseitigen Beziehungen war eine wichtige Voraussetzung für den wirtschaftlichen Boom in den vergangenen Jahren. Sie hat uns nicht immun gemacht gegen die Herausforderungen der Coronakrise, aber sie hat unsere Regenerationsfähigkeit auf solches Niveau gebracht, dass wir die Folgen der Pandemie gut meistern werden. Die Wirtschaft in und um München ist ein Spiegelbild der Vielfalt unserer Gesellschaft: Großkonzerne und kleine sowie mittlere Unternehmen, innovative Start-ups und traditionelles Handwerk, Solo-Selbstständige in bunter Fülle. Blickt man nach vorn, werden auch künftig die Informations- und Kommunikationstechnik, der Dienstleistungssektor und die Forschung die entscheidenden Wachstumsmotoren sein. München ist zudem der größte Versicherungsstandort und deutschlandweit der zweitwichtigste Bankenplatz.

Mittlerweile heißt es zwar oftmals „Das Geld arbeiten lassen“. Aber für den Erhalt von Branchenvielfalt und wirtschaftlicher Prosperität in der Münchner Region ist der sehr attraktive Arbeitsmarkt ausschlaggebend. Ihre Zufriedenheit mit dem gewählten Standort äußerten Münchens Unternehmer zuletzt in der IHK-Standortumfrage 2019 Kund. 84 Prozent der befragten Mitgliedsunternehmen gaben an, dass sie sich wieder für den Standort München entscheiden würden. Damit die Region weiterhin so attraktiv bleibt und die Herausforderungen von morgen schon heute mitgedacht werden, hat die IHK für ‎München und Oberbayern den Dialogprozess Oberbayern 2030+ ins Leben gerufen. Unternehmer sowie Vertreter aus ‎öffentlichen und sozialen Institutionen diskutieren gemeinsam mit der IHK die zukünftigen ‎Herausforderungen für den Standort und werden daraus konkrete Handlungsfelder für die Arbeit der IHK, aber auch für wirtschaftspolitische Fragestellungen ableiten.

In München gibt es zahlreiche DAX-Unternehmen, etliche Firmen bis 500 Mitarbeiter, aber auch kleine bis mittlere Unternehmen. Welche Entwicklungen gab es in den letzten fünf Jahren und welche Sprünge erleben kleine und große Unternehmen im Stadtgebiet?

Bei den Immobilien heißt es „Lage, Lage, Lage.“ Bei den Unternehmen „Dienstleistungsqualität, Dienstleistungsqualität, Dienstleistungsqualität.“ Von über 55.000‎ IHK-Mitgliedsunternehmen in der Landeshauptstadt gehören rund 36.000 zum Dienstleistungssektor. Diese starke Präsenz zeigt, dass München den Wechsel zum Dienstleistungsstandort längst vollzogen hat. Das wird sich positiv auf die Zukunftsfähigkeit der Stadt und Region als wirtschaftliches Kraftzentrum Bayerns und ganz Deutschlands auswirken. Charakteristisch ist außerdem, dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen die Basis der Wirtschaft bilden. Über vier von fünf Unternehmen sind ihnen zuzurechnen – das ist ein Biotop für Ideen, Innovationen und Initiativen, das für Start-ups und Entrepreneure aus Deutschland, ja, Europa, mindestens genauso verlockend ist wie die Berliner Szene. Außerdem entsteht so eine Wechselwirkung: Dass München als wirtschaftlicher Hotspot so gut aufgestellt ist, erhöht seine Attraktivität als Standort sowohl für die Unternehmen als auch deren Mitarbeiter. Dabei dürfen wir jedoch nicht aus dem Blick verlieren, dass die hohen Miet- und Kaufpreise für Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie auch der bayernweit höchste Gewerbesteuerhebesatz die Betriebe zunehmend herausfordern. Die mangelnde Verfügbarkeit an Gewerbeflächen macht sich immer stärker bemerkbar und ist längst ein Dauerbrenner. Sie kann Unternehmen, die wachsen und sich erweitern wollen, quasi zur Verlagerung ins Umland zwingen. Das, nebenbei gesagt, durchaus auch seine Vorzüge hat. Überhaupt: Das Verständnis von „München“ endet nicht an Gemarkungsgrenzen, sondern dort, wo keine S-Bahn mehr hinfährt.

Ich bin davon überzeugt, dass München auch künftig trotz aller Herausforderungen ein pulsierender Wirtschaftsstandort und Magnet für die Wirtschaft bleiben wird. Dennoch ist es unsere Aufgabe, gemeinsam mit der Stadt die Standortbedingungen für die Unternehmen kontinuierlich zu analysieren und im positiven Sinne anzupassen. Nur so können sich München und die umliegenden Landkreise ihren wirtschaftlichen Wohlstand sowie das Wirtschaftswachstum auf lange Sicht erhalten.

Welche Nutzungsmöglichkeiten braucht es für die Wirtschaft, um das Stadtgebiet München attraktiv zu halten und Fachkräfte weiterhin ansiedeln zu können?

Vom Grundsatz her müssen wir das erhalten – oder wiederherstellen – woran sich die meisten unter uns bei Meister Eder und dem Pumuckl erinnern: Auch wenn die Schreinerwerkstatt im Hinterhof als Idyll erscheint: Das Miteinander von Wohnen und Gewerbe – die klassische „Münchner Mischung“ – schreit so lautstark wie der Märchenkobold nach tragfähigen Lösungen. Konkret heißt das: Neben dem dringend benötigten zusätzlichen Wohnraum brauchen wir vor allem eine aktive Gewerbeflächenpolitik. Ein ausreichendes Angebot an Gewerbeflächen auch für das produzierende Gewerbe darf in der zukünftigen Stadtentwicklungsplanung nicht vernachlässigt werden. Gerade in Zeiten sich wandelnder Wertschöpfungsketten sind gewerbliche Flächen im Stadtgebiet zu erhalten. Arbeitsplätze werden sonst zunehmend ins Umland verlegt, die erfolgreiche Misch-Formel kann auf Dauer nicht mehr erhalten werden. Eine nachhaltige Gewerbeflächenentwicklung darf bei der dominierenden Diskussion um bezahlbares Wohnen keinesfalls außer Acht gelassen werden: eine wachsende Stadt mit wachsenden Flächenansprüchen und dynamischen Veränderungsprozessen braucht hier die richtigen Antworten. Wohnungsbau und Gewerbebau können dabei aus städtebaulicher Sicht nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Sowohl den Flächenbedarf beim Wohnen als auch fürs Gewerbe wird München dabei nicht ohne das Umland lösen können. Daher sind, auch im Sinne eines nachhaltigen Umgangs mit den verfügbaren Flächen, interkommunale Lösungen anzustreben.

Entscheidend für die Münchner Wirtschaft ist außerdem, wie sich der Ausbildungsmarkt weiterentwickelt: Damit sie wettbewerbsfähig bleiben, brauchen die Betriebe in und um München Fachkräftenachwuchs. Deshalb müssen wir alle Kräfte bündeln, um den jungen Menschen die Attraktivität einer beruflichen Ausbildung aufzuzeigen und die guten beruflichen Perspektiven, die sie bietet.‎ Dafür brauchen wir eine stärkere Vernetzung von Schule, Politik und Wirtschaft.

Der Großraum München wächst. Bis zum Jahr 2030 wird die Bevölkerung in Stadt und Region um über eine Viertelmillion Menschen zunehmen. Umgerechnet bedeutet das: Wir siedeln hier ein zweites Augsburg an. Davon werden allein über 90.000 Menschen in die Stadt München drängen. Die sich daraus ergebende zusätzliche Verkehrsnachfrage übersteigt die für den Straßenverkehr verfügbare Fläche bei weitem. Im Jahr 2030 werden die Straßen in München von früh bis spät zu 100 Prozent ausgelastet sein. Das bedeutet Dauerstau im gesamten Münchner Straßennetz. Auch der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) als leistungsstärkstes Verkehrsangebot wird spätestens dann im Großraum München an seine Leistungsgrenze stoßen. Die IHK tritt deshalb für einen Gesamtverkehrsplan und ein Mobilitätskonzept für den Großraum München ein, das Mobilitäts- und Lebensqualität in Einklang bringt und Nutzungskonflikte der unterschiedlichen Verkehrsarten auflöst.